Der Köhler und das Goldene Kalb

Der Köhler und das Goldene Kalb

Dunkle Geschichten aus dem Reichswald.

Kurzgeschichte von Jan de Schwoon

der köhler und das goldene kalb

Der Köhler und das goldene Kalb

– Dunkle Geschichten aus dem Reichswald –

Es war Herbst geworden, die Bäume des Reichswaldes färben sich bereits und strahlen durch die tief stehende Sonne golden über die Niederrheinlande, als Jan der Fischersohn aus Nütterden eine Eingebung von dem alten, mystischen Meister Merlin erhielt.

Wie auch um Jan dem Fischersohn aus Nütterden, ranken sich viele Legenden um die Gestalt des Merlin. Ist er Druide, Zauberer, Weiser, Seher und Bewahrer eines Königreiches, das er in den Tiefen des Reichswaldes bei Grafwegen erschaffen hat? Seine ganze Existenz ist in ein Mysterium gehüllt, denn er stammt aus der Zeit der Kelten, vorchristlich und geheimnisvoll, sagenumwoben und nie ganz greifbar. Da Jan und Merlin übersinnliche Kräfte besitzen, können sie auch über eine andere, mystische Ebene miteinander kommunizieren. Merlin bittet Jan in seiner gleichnamigen Behausung in Grafwegen zu kommen um mit ihm gemeinsam die gefährlichen Dämonen zu bekämpfen, die seit geraumer Zeit ihr Unwesen im Reichswald treiben.

Mehr erfuhr Jan für den Moment nicht, als er sich Richtung Reichswald aufmachte um seinen Freund Merlin bei zu stehen. Am Waldrand bei Schottheide traf er Wemke den Besenbinder mit seiner Frau Dina betend in ihrer alten, armseligen Kate an. Da sie Kinderlos geblieben waren, hatten sie die beiden Kinder Finchen und Jüppke von Fritz dem Köhler aufgenommen, nachdem die Frau des Köhlers unter mysteriösen Umständen gestorben war.

Auf Nachfrage von Jan berichteten sie ihm unter Tränen das die beiden Kinder trotz des Verbotes von Stiefmutter Dina alleine in den Wald gegangen waren, um womöglich Waldbeeren zu pflücken. Als sie vor dem Dunkelwerden noch nicht zurück waren, machten sich Wemke und Dina große Sorgen. In letzter Zeit trieben sich dunkle Gestalten und Wegelagerer im Wald herum, die nichts Gutes im Schilde führten.

Die Besenbinder haben ein hartes Leben, aber die Heidelandschaft und der nahe Wald hier in Schottheide lieferte ihnen Brennholz für die Hausfeuerung und Ginster- und Birkenreisig zum Besenbinden. Diese Besen verkaufte Fritz dann bis nach Cranenburg und Cleve. Um überhaupt ihr karges Leben fristen zu können müssen alle Familienmitglieder hart mitarbeiten, auch die Kinder.

Jetzt ahnte Jan der Fischersohn mit seinen mystischen Fähigkeiten warum der Magier Merlin ihn um Hilfe gebeten hatte. Was war mit Finchen und Jüppke geschehen.

Nachdem er etwas kühles Quellwasser getrunken hatte, versprach er den Eheleuten zu helfen und verließ die Beiden eilenden Schrittes. Jan lief unbehelligt immer tiefer in den Reichswald hinein. Kurz vor der vierstämmigen Eiche Richtung Grafwegen bemerkte er schon den dichten Rauch des Meilers von Fritz dem Köhler. Dichte, schwarze Rauchschwaden waberten durch das dichte Geäst des Waldes, wodurch eine gespenstische Szenerie entstand.

Das Köhlerleben war zu allen Zeiten ein hartes und entbehrungsreiches Dasein. Tief in den Wäldern errichtete der Köhler seinen Meiler. Diese Kohlenmeiler fand man in großer Zahl im Reichswald, da Holzkohle früher dringend gebraucht wurde: für die Schmelzöfen des Erzes, die Schmiedewerkstätten, zur Färberei, in Chemie und Heilkunde und zur Herstellung von Schießpulver, auch die Mutter von Jan heizte ihr Bügeleisen mit Holzkohle. Da solch ein Meiler je nach Größe fünf bis acht Tage brannte, musste der Köhler die ganze Zeit über dort am Meiler verbleiben. Eine einfache Laub- und Mooshütte war dann seine Behausung. Ihre weit ab geschiedenen Arbeitsstätten machten sie zu scheuen und verschlossenen Menschen, die jedem misstrauten, nicht selten ledigen Standes blieben und immer darauf gefasst waren, sich gegen wilde Tiere und das umherstreunende Gesindel zu wehren, das aus ihren Hütten stahl während sie Tag und Nacht bei ihren Meilern wachen mussten. Die fertige Holzkohle verwahrten sie in trockenen Erdgruben die mit dürrem Reisig ausgelegt und mit Rinde abgedeckt waren. Das wenige, hart erarbeitete Geld, trugen sie bei sich oder vergruben es im Wald. Durch den jahrelangen Aufenthalt in den Wäldern verwilderten sie, ließen Haar und Bart wachsen und wuschen nur selten den Ruß von der Haut.

So traf Jan nun auch auf den Köhler Fritz. Dieser war ganz verzweifelt und brach zusammen, als er von Jan vernahm was geschehen war. Er flehte Jan an ihm zu helfen seine Kinder wieder zu finden, wofür sonst hatte er Jahre lang die schwere Arbeit als Köhler mit all den damit verbundenen Entbehrungen gemacht. Seine Kinder sollten es einmal besser haben als er und womöglich mal eine Schule besuchen. Dafür hatte er das sauer verdiente Geld gespart das er für den Verkauf der Holzkohle bekam.

Jan wurde nun auch immer unruhiger und eilte direkt zu der nicht mehr weit entfernten, geheimnisvollen Behausung von Meister Merlin am Waldrand von Grafwegen. Dieser empfing den Fischersohn freundlich in seinem alten Gemäuer. Jan ahnte nun warum Merlin ihn um Hilfe gebeten hatte. Der Magier war über die Jahrhunderte ein alter, körperlich gebrechlicher Mann geworden, dem es schwerer fiel in menschlicher Gestalt aufzutreten. Als mystischer Geist hatte er allerdings seine magischen Fähigkeiten behalten. Der Meister berichtete Jan nun was sich seit längerer Zeit hier im Reichswald für dämonisches Gesindel herumtrieb und riet Jan zur Eile, da die Kinder Finchen und Jüppke ganz in der Nähe wähnte.

An dem Hauptweg nach Grafwegen, der mitten durch den Reichswald führte, an einer kleinen Lichtung, befindet sich ein uralter Opferstein im Volksmund „Das Goldene Kalb“ genannt. Hier tanzen die satanischen Dämonen und opfern arme Seelen, die sie aus den Dörfern der Gegend rauben, um sie Satan zuzuführen. So auch die beiden Kinder aus Schottheide.

Sofort begannen Jan und Merlin ihre mystischen Kräfte zu bündeln, um mit magischen Formeln auf den Ort des Geschehens einzuwirken. Sie schafften es mit Ihrem positiven Gedankengut, das sich die Dämonen mit kreischendem Getöse entfernten. Ein schwefelhaltiger Geruch machte sich im Reichswald breit.

Die Kinder Finchen und Jüppke waren in letzter Sekunde gerettet worden. Sie nahmen die ganze Geschichte nur als bösen Traum war und konnten von Jan dem Fischersohn aus Nütterden zu ihren Vater Fritz dem Köhler wohlbehalten zurück gebracht werden.

Der Geist des großen Magiers Merlin lebt immer wieder in der Region um Grafwegen auf und wacht darüber das kein Unrecht geschieht. Wieder einmal hat sich bewahrheitet, das gemeinsam ausgeübte mystische Kräfte positives bewirken können…

Das Malefitz-Haus von Bimmen

Das Malefitz-Haus von Bimmen

Hier gibt es wieder eine spannende Kurzgeschichte von Jan de Schwoon, zu der er auch das Titelbild gestaltet hat.

das malefitzhaus von bimmen

Das Malefitzhaus von Bimmen

– Sind Kätchen, ihr Vater und die Bewohner von Bimmen noch zu retten –

Hier wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die der Hexerei beschuldigt und unmenschlichen seelischen und körperlichen Qualen ausgesetzt wird. Eine Geschichte aus der Düffelt, wie sie sich im Mittelalter mehrfach abgespielt haben könnte. In dieser Zeit nahm die Verfolgung von Menschen, die sich angeblich dem Teufel verschworen hatten, auch hier in den Niederrheinlanden unvorstellbare Ausmaße an.

Machtbesessene Kirchenfürsten, fanatische Theologen und pflichtbewusste Beamte bekämpften gnadenlos ein Verbrechen, dessen Existenz auch damals unter den Gelehrten schon umstritten war. Tief verwurzelter Aberglaube und die Angst vor teuflische Dämonen gab den Verfolgern den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung, menschliche Niedertracht führte zu Bespitzelungen und Denunziationen. Hohe und Niedrige, Arme und Reiche, Frauen, Männer und Kinder fielen der Brutalität der Hexenjustiz zum Opfer. Wer einmal in ihre Mühlen geriet, für den gab es kaum ein Entrinnen. Die meisten Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden, die Täter und die Opfer. Die Verhöre, die Folterungen, sie könnten sich aber wirklich so abgespielt haben. Die Engstirnigkeit, die Grausamkeit, die Gemeinheit, es hat sie wirklich gegeben. Aber auch Beispiele von Hilfsbereitschaft, Tapferkeit, Einsicht und Zivilcourage. Sie können uns Mut machen, rechtzeitig gegen Verfolgung, Misshandlung und Rechtsbeugung zu protestieren. Denn die sind noch lange nicht aus unserer Welt verschwunden.

So eilte auch Jan der Fischersohn aus Nütterden zu seinem alten Freund, Bauer Wellem nach Bimmen, als er hörte, dass dessen Frau Minchen von den Schergen des Bischofs verschleppt worden war. Jan war in der ganzen Region dafür bekannt, das er mit seinen mystischen Fähigkeiten den Menschen half und die satanischen Dämonen vertreiben konnte. Kätchen die Tochter des Bauern hatte den Fischersohn Jan gerufen. Sie klagte ihm das ganze Leid das ihr und ihrer Familie mit dem bestialischen Tod der Mutter angetan wurde.

In dieser Zeit wurde das Verbrennen von vermeintlichen Hexen ärger als je zuvor. Denn überall sah der Klerus das Böse am Werk, da Bimmen einen unmittelbaren Zugang zum Rhein hatte und in direkter Nachbarschaft zu dem niederländischen Ort Millingen lag, vermuteten die Häscher des Bischofs besonders viele satanische Kräfte; jedes Hagelwetter, jede kranke Kuh und jeden verdorrten Halm hielten sie für eine Untat der verfluchten Hexensekte. Die fanatischen Ratgeber der geistlichen Elite, Gott allein weiß ob es gute Ratgeber waren, nährten die Glut ihres Zorns, bis sie zur lodernden Flamme wurde, die überall im Land die Scheiterhaufen entzündete. Größer und größer wurde die Zahl derer, die des Umgangs mit dem Bösen verdächtigt wurden und die alsbald durch grausame Folter die schrecklichsten Untaten eingestanden. Wie eine Seuche schien das Übel der bösen Zauberei das ganze Land befallen zu haben und je mehr Hexen ihre Untaten mit dem Leben büßten, um so mehr schienen sie in Freiheit ihr Unwesen zu treiben.

Schließlich soll der Pastor von Bimmen im Auftrag des Bischofs ein „Malefizhaus“ errichtet haben, in dem alle eingekerkert wurden, die Gott so schändlich verleugnet haben sollten. Dort trafen sie auf ihre Richter, dort wurde ihr Urteil gefällt. Niemand hat in jener Zeit das Malefitzhaus wieder verlassen, wenn er einmal darinnen war, es sei denn, um in dieser Welt seinen letzten Weg zu machen, zum Richtplatz am Schwarzen Kreuz, vor den Toren des Dorfes. Möge Gott ihrer aller Seelen gnädig sein!

Zu den ersten, die der Pfarrer im neuen Hexenhaus verwahren ließ, zählte Minchen, die Ehefrau des Bauern Wellem aus Bimmen. Bei der peinlichen Befragung unter der Folter ihrer Peiniger hatte sie gestanden, die Buhlin des Teufels geworden zu sein und mit ihren Hexenkünsten unfassbare Schandtaten begangen zu haben. Wir alle haben es nicht glauben wollen hatte Kätchen an Jan berichtet. Denn Minchen ihre Mutter war eine gottesfürchtige Frau, die die Gebote der heiligen Kirche achtete, den Armen reichlich gab und ihren Mann Wellem eine treue und gehorsame Hausfrau war. Aber das Urteil der drei gelehrten Männer, die ihre Richter waren, konnte wohl nicht bezweifelt werden. Und hatte sie nicht selbst ihre Schandtaten eingestanden? So waren wir dankbar für die Gnade, die ihr der Bischof erwies, berichtete Kätchen; Er ließ sie mit dem Schwert richten, bevor ihr Leib zu Pulver und Asche verbrannt wurde. Um das Böse, das sie vielleicht in unsere Herzen verpflanzt hatte, zu vertreiben, bemühte sich die ganze Familie von diesem Tag an mehr als je zuvor, gottgefällig zu leben.

Kätchen selbst war unerbittlich gegen sich, unerbittlicher noch, als es die strenge Zucht eines Klosters fordert, sie unterwarf ihren Geist und ihren Körper den härtesten Prüfungen, sie flehte zu Gott und allen Heiligen, sie möchten nun den Satan von ihr und den Menschen im Dorf fern halten. Aber es hat alles nichts helfen wollen. Der Fluch, der auf diesem Hof und seinen Bewohnern lag, hatte auch ihre Familie zerstört und ließ und lässt sie bis heute an der heiligen Mutter Kirche zweifeln, an ihrer Weisheit und Güte.

Unter Tränen berichtet Kätchen weiter, damit bin auch ich schuldig geworden, obwohl ich mich, Gott ist mein Zeuge, nie mit dem Satan eingelassen habe. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, so schlich sich der erste Zweifel in meine Seele, als sich der Tag zum ersten Mal jährte, an dem sie die Asche der Mutter vom Deich aus in alle Winde verstreut hatten. An diesem Tag nämlich kam Jan der Fischersohn aus Nütterden nach Bimmen…….

„Wat es dan met o loss, ek kenn o jo niet merr weer, wellt gej menen Win niet enz prüwe“ begrüßte Bauer Wellem auf „Kleverländisch“ den alten Freund Jan aus Nütterden, in der hier gebräuchlichen Umgangssprache. Aufmunternd hielt er seinem Gast das Glas entgegen, als er aus dem Stall kommend in die gute Stube eintrat.

„Hallo Wellem, mir ist nicht danach“, antwortete Jan ihm freundlich, „ich habe dringend mit Euch zu reden, nachdem deine Tochter Kätchen mir von eurem Unglück berichtet hat.“ Aber dann nahm Jan das Glas doch, kostete und schmatzte anerkennend. „Nicht schlecht, mein Lieber, wahrhaftig nicht schlecht!“ Er nahm noch einen Schluck und wischte sich den dünnen Bart, den er sich seit dem letzten Jahr hatte wachsen lassen. „In diesen miserablen Zeiten ist ein guter Wein so selten wie ein treuer Freund.“ Er seufzte. „Und das bringt mich wieder zu dem Grund meines Besuches.“

„Ach wat, Jan!“ Wellem winkte ab. „No kenn ek o all so lang, en ömmer heb gej ok wat bej ons gegäte, dan spreckt et sich öm so bäter.“ Er wandte den Kopf und rief: „Kätchen! Kätchen!“

Gleich darauf öffnete sich die Tür und Kätchen betrat die Stube. Sie war schlank und ziemlich groß. Unter einem weißen Häubchen quoll dichtes, dunkles Haar kaum gebändigt hervor und fiel in lockigen Strähnen in die Stirn. In ihrem blassen Gesicht glänzten die Augen groß und rund, Augen, die so dunkel waren, dass man die Pupillen darin nicht sah. Das Licht spiegelte sich in ihnen wie das Mondlicht in der nächtlichen Schwärze eines Sees; sie waren blank wie Glas und man konnte doch nicht hineinsehen. Als Jan für sich erkannte, dass er sie bewundert ansah, schoss ihm die Verlegenheitsröte ins Gesicht und hoffte das Kätchen dies nicht bemerkt hatte. Das Mädchen begrüßte den Gast mit einem freundlichen Nicken und meinte dann lächelnd: „Gelli welt bestemt dat ek en betje Fleiss en Brot breng.“

Bauer Wellem sah seine Tochter liebevoll an. „ Dat es lief van o mädje, dat heb gej rechteg gerooje.“ Kätchen nickte. „ Heb nog effkes gedöllt, et sal nit lang düre.“ Schweigend tranken die Männer ihren Wein und warteten, bis die junge Frau das Essen gebracht und den Raum wieder verlassen hatte. Nachdenklich sah Jan ihr hinterher. „Schön ist sie geworden“, sagte er, „so schön, wie ihre Mutter war. Wie alt ist sie jetzt?“

„Neegentin johr wört se van et fruchjohr“ antwortete Wellem stolz und atmete tief ein und aus. „Ihr solltet sie verheiraten, Wellem. Sonst kommt sie auch noch wie ihre Schwester auf dumme Gedanken und geht ins Kloster. Habt Ihr denn keinen jungen Mann, den ihr für würdig haltet…..“ versuchte Jan den Vater bei Laune zu halten.

„Würdig, würdig“, der Bauer schüttelte den Kopf. „Dor sal wäll imand te finde sin, mar se well nit, sej sett, se kos min nit alleen lote. En se hät rächt, se es min en groote hölp, sent ör moder dot es…… sej mekt denn hele huishalt för min….mar sej hett ören eigen kopp, en sej es nit vör een bröllft te hebbe. Määj gloof ek se hätt denn duiwel inet liff.“ Wellem unterbrach sich unvermittelt selbst und schlug plötzlich mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass die Gläser klirrten und Jan heftig zusammenzuckte. „Bej alle hellige, dor wass et min fast wärr herüttgerutscht.“ Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. Höhnisch fuhr er fort; „wat kiek je so, Jan? hätt o denn duiwel in et lif so bang gemakt? Glööf gej dat min dochter o ok verhext? Of sit gej bang dat sich de flur ob düt, en satan as dämon met et gesecht van onsen pastoor obstiegt, öm ons met de neme? Mischin es dän win dän wej drenke so gut, dat et duiwelswerk es? O minen liewen heer wat es blos loss met min?“ Der Hohn war aus seiner Stimme verschwunden, Kummer und Zorn mischten sich jetzt darin. Er griff nach seinem Glas und goss den Inhalt in einem Zug hinunter.

„Ihr solltet nicht so reden, Wellem!“, sagte Jan besorgt. „Seht ihr, das ist es, was ich euch sagen wollte: Ihr redet euch noch um Kopf und Kragen!“ Aber der Bauer hörte ihm gar nicht zu.

„De gottlose häxenbrut welle se ütrotte,“ sagte er wie zu sich selbst. „Mar könn gej Satan kapott kriege, wenn gej öre diener ömbrengt? Kann hej nit för jede Häx, die verbrennt, sofort zwee neje hebben, wän hej so machtig es, dat hej wiewer, pfaffen, börgermester, jo, en onschuldige kinder för sich lokt?“ Er sprang auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab…. „Wor hen soll dat nog goon! Alle menze worren verbrannt, bes alleen nog mar dän pastoor en dän bischop öwer bliewe. Wo sal dat hen gan, et hele land wörd in de hand van denn düwel falle. Die motten dan et füür an et eige liff halde. Wenn et dan geen menze mer gefft kann et ok geeh Häxe mer gäwe. Off vergribbt sich den düwel dan an de pogge en kuhe?“ Redete Wellem sich in Rage und rieb sich die Augen, als erwache er aus einem bösen Traum. „Dor kan doch wat nit stemme Jan, hier hebbe so vööl met dän Düwel paktiert, so kann et doch nit wier gohn!“

„Halt, halt, halt, unterbrach ihn Jan energisch. „Da habt Ihr es doch wieder! Die Kirche mit ihren Helfern machen sich die Angst der Menschen zu Nutze, um sie zu knechten und auszubeuten. Wellem sah seinen Freund fassungslos an.

„Minen liewen Gott, Jan, so blind könt gej doch nit sinn. Dat könnt gej doch nit gutheißen! Dörf man enen volwassenen mens dän twiffel hät, wän hej trauer häft öm sin frau en sin dochter, dan ok nog enen prozess maake? Wor es door rächt en billigkeit?“ Der Bauer zuckte die Achseln.

„Ich habe nicht von gutheißen geredet. Ich habe nur gesagt, man brauche sich nicht zu wundern“ erwiderte Jan. Wellem hatte seine unruhige Wanderung wieder aufgenommen und beachtete Jan seinen Einwurf nicht.

„Bej onsen liewen Gott en alle Helligen, dat mott doch eneker ophöre! Wij well dan bestriehe dat dat böse exesteert. Äwel menze sin fehlbar, ok rechter en bischöfe.“ Er blieb stehen und starrte vor sich hin. „Minchen“, sagte er leise, „ nojt sal ek glöwe, dat se en Häx was. Nor dem die büttel van dän pastoor se in et Malefizhuis gebrocht hebbe, heb ek sej noit mer weergesien.“ Nun brach es endgültig aus Wellem heraus: „Wän se onder de marter vor pinn geschraut hät, ek heb et nit gehort. Wän se ängst vor dän dood gehät häft, ek heb et nit bemerkt. Dan hebbe se gesejt, dat se gestörwe es för ör sönd, en dat se et bereut heft, en ör eigengut an dän bischop vervallen es. Et heft geröchte gegewen, wat se alles gedon heft. Mar min het se et nit segge könne, dat met dän Düwel paktiert heft, en hostien geschändet heft, en dat se unschuldige menze gedood heft. En dorom glöf ek et ok nit! Ek glof erder, dat dat vermaledeide pfaffengesindel en sine koruppten rechter………“. Wellem brach regelrecht zusammen.

„Hört endlich auf!“ Jan schrie, aber man merkte ihm an, dass er es weniger aus Zorn als aus Sorge tat. „Zum letzten Mal, hört endlich auf, Wellem! Schon euch zuzuhören reicht, dass sich ein Mann verdächtig macht in diesen Zeiten. Jetzt lasst endlich mich reden! Setzt euch wieder zu mir!“ Wellem gehorchte, erstaunt über den unerwarteten Ausbruch, und Jan fuhr fort: „Ich bin gekommen als Euer Freund. Ich will, nein, ich muss Euch warnen. Euer loses Maul, wenn Ihr verzeiht, dass ich so offen rede, euer verdammtes loses Maul und dazu die Erbitterung über den Tod eurer Frau haben euch in eine gefährliche Lage gebracht. Neulich, während der Sitzung im Dorfrat, eure spitze Bemerkung über den Pastor und den Bischof war töricht, wenn du dich, trotz großer Trauer und Wut, nicht besinnst, wirst auch du und deine Tochter Kätchen sterben,“ leise fügte Jan hinzu, „ich kenne den Abt von Cleve sehr gut, der hat klar erkannt und auch schon ausgesprochen, dass die Hexenjäger, die sich so fromm gaben, weil sie angeblich den Teufel bekämpften, in Wirklichkeit mehr an die Macht des Teufels als an diejenige Gottes und Christi glaubten. Dieser Abt hat die Kraft und das Ansehen, um die fanatischen Auswüchse hier zu stoppen. Er wird uns helfen damit du mit deiner Tochter Kätchen und den anderen Dorfbewohnern von Bimmen wieder zur Ruhe kommst.“

Wellem seufzte tief durch als er die Worte von Jan vernahm, als seine Tochter Kätchen, die an der Tür gelauscht hatte, in die Stube trat. Sie sah Ihren Vater zusammen gekauert am Tisch sitzen und rüttelte ihn an den Schultern als sie verzweifelt rief; „Voder kom wer hoch, wej wollen bäje, en onsen echten, liewen Gott bedden en dank seggen, dat hej ons helpt, en dat alles wär gut wörd.“ Vater und Tochter sanken auf die Knie um zu beten, als Jan sich verabschiedete um sich nach Cleve auf zu machen. Er will den Abt bitten, dem unsinnigen Töten hier in Bimmen, Einhalt zu gebieten.

Schon kurze Zeit später vernahm Jan von seinem Freund, dem Bauer Wellem, die Nachricht, dass sich alles zum Guten gewendet hatte. Die Inquisition in Bimmen wurde abberufen und ein neuer Pastor eingesetzt. Das Malefitzhaus wurde abgerissen und ein Denkmal an dieser Stelle errichtet. Nun konnten die Menschen endlich der Opfer, nach ihren wahren christlichen Glauben, gedenken. Bauer Wellem hatte noch mehr freudiges zu berichten, seine Tochter hatte einen guten Mann gefunden. Alle wohnten nun zufrieden, in ihrem christlichen Glauben auf dem Hof in Bimmen, bis an ihr Lebensende.

Jan der Fischersohn aus Nütterden hatte mal wieder seine guten Fähigkeiten unter Beweis stellen können bis…………

Der Wächter von Netelenhorst

Der Wächter von Netelenhorst

Hier haben wir jetzt die nächste Kurzgeschichte, die uns Jan de Schwoon präsentiert. Auch für das großartige Titelbild zeichnet er verantwortlich. Viel Vergnügen beim Lesen.

der wächter vom netelenhorst

Der Wächter vom Netelenhorst
– Im Schatten des schwarzen Todes –

Eine schwere Zeit ist für die Menschen in den Niederrheinlanden angebrochen, denn nach einem dreißig Jahre lang dauernden Krieg mit Zerstörung und Plünderungen ist die Pest, auch hier ausgebrochen.

Abertausende Bewohner wurden Opfer des Krieges und nun wurden sie auch noch durch den schwarzen Tod dahin gerafft. Viele Menschen sind ohne ihr Hab und Gut auf der Flucht, um ihr nacktes Leben zu retten. Flüsse und Seen in der Düffelt sind durch die vielen Leichen und Tierkadaver verseucht. Das Wasser aus vielen Brunnen, dem Groesbecker Bach und des Wylermeeres ist schon lange nicht mehr trinkbar. Die Stadt Cranenburg hat seit einiger Zeit ihre Stadttore geschlossen und verriegelt, so das keiner mehr hinein oder heraus kann. Es herrscht große Not und Verzweiflung in der ganzen Region.

Die Quelle der Renne in Nütterden ist die Einzige weit und breit, die noch genießbares Trinkwasser führt und bisher von der Seuche verschont geblieben war. Es hat sich eine kleine Bürgerwehr von den noch verbliebenen Nütteranern gebildet, um die Quelle zu schützen. Als sich eines Tages drei vagabundierende Söldner mit finsteren Mienen der Quelle nähern, wurde es unruhig an der Quelle. Die drei sahen aus als würden sie auch Gewalt anwenden, um an sauberes Wasser zu kommen. Jan der Fischersohn aus Nütterden sitzt in der Nähe seines Hauses am Quellteich der Renne und beobachtet das Geschehen. Er hatte mit seinen mystischen Fähigkeiten einen unsichtbaren Schutzwall um die Quelle geschaffen, so das die Söldner keine Chance haben bis zur Quelle vor zu dringen.

„Haltet ein“ rief Jan den Fremden zu „füllt eure Flaschen und zieht weiter.“ Die Söldner hörten nicht auf Jan und prallten wie vom Blitz getroffen gegen die unsichtbare Schutzwand, die Jan geschaffen hatte. Als sie sich wieder erschreckt aufrappelten, wollten sie erneut die Quelle stürmen, aber wiederum wurden sie von unsichtbaren Mächten abgehalten und in die Luft geschleudert. Dabei verletzten sie sich gegenseitig mit Ihren Schwertern so schwer, dass sie tödlich getroffen zu Boden vielen.

„Ich werde mich nach Cleve aufmachen, um eine medizinische Abhandlung, die richtig angewandt, dem schwarzen Tod ein Ende bereiten wird zu holen“ wandte sich Jan an die erschreckte Bürgerwehr aus Nütterden. „Haltet Wache hier, dann wird euch nichts geschehen. Ich werde so schnell wie möglich Hilfe holen und nach Nütterden zurückkehren.“

Jan kannte im Franziskaner-Kloster zu Cleve den alten Mönch Sebastian, der ein kostbares Schriftstück von der letzten großen Pestepidemie aus dem 14. Jahrhundert aufbewahrte. Dieses Schriftstück wollte Jan holen um den Menschen in der ganzen Region zu helfen. Lebte der Mönch noch? War er noch im Besitz der medizinischen Abhandlung, die gegen die schreckliche Seuche wirksam war? Kam Jan überhaupt in die Stadt Cleve hinein? Viele Fragen gingen Jan durch den Kopf.

Um möglichst schnell nach Cleve zu gelangen, rief er den Fuhrmann Jupp mit seinen Pferd Mirka von der Wolfsbergstraße zu Hilfe. Zusammen machten die alten Freunde sich auf den Weg nach Cleve. Überall am Wegesrand lagen Leichen, die zum Teil von herum streunenden Tieren zerrissen wurden. In Donsbrüggen, bei dem Gasthaus Koekkoek, kam ihnen ein Zug von Geisslern entgegen. Diese merkwürdigen Gesellen versuchen durch Selbstbestrafung, Gott gnädig zu stimmen, um so der tödlichen Seuche zu entgehen. Sie kommen von Cleve und ihr Ziel ist die Walfahrtskirche in Cranenburg. Jupp führte den Wagen mit seiner Mirka zügig mit schnalzender Zunge an dem unwirklichen Anblick vorbei. In Höhe des Gnaden-Tals, waren die St. Augustinus Mönche dabei von der Pest befallende Menschen zu pflegen, so gut sie es mit ihren einfachen Mitteln nur konnten. Jan erkannte sofort, dass alle dem Tode geweiht waren und trieb seinen Freund Jupp zur Eile an.

Vor den Stadtmauern von Cleve angekommen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Hunderte von Menschen, aus der gesamten Umgebung, lagen vor der Stadt. Große Stapel von toten Leibern wurden errichtet um sie schnell zu verbrennen. Ein beißender, unerträglicher Gestank machte sich breit. Schreiende menschliche Wesen, mit hässlich entstellenden, schwarzen Beulen am ganzen Körper, flehten um Hilfe. Einige wenige Bader, die sich trotz der tödlichen Ansteckungsgefahr eingefunden hatten, weil sie den leidenden Menschen auch noch die letzte Habe abknöpfen wollten, hatten begonnen die eiternden Geschwulze aufzuschneiden. Die Gefahr einer schnelleren Verbreitung der Seuche wurde durch ihr unwissendes Tun nur noch verstärkt. Jan erkannte das schnell und schickte seinen Freund Jupp mit seiner Mirka sofort zurück nach Nütterden, damit er sich nicht auch noch mit der tödlichen Krankheit ansteckte. Jan selbst konnte durch seine mystischen Fähigkeiten nichts geschehen, er war gegen alle Krankheiten immun.

Wie aber kam Jan nun in die Stadt Cleve. Alle Tore waren hier, wie schon die Tore in Cranenburg, verrammelt und verriegelt worden, damit sich die tödliche Seuche nicht noch stärker in der Stadt ausbreiten konnte. Jan konzentrierte sich einen Moment auf seine übernatürlichen, mystischen Fähigkeiten, als er sich des Junkers Alexander aus Donsbrüggen besann, den er schon bei früheren Aktionen kennen und schätzen gelernt hatte. Dieser Junker hatte vor einiger Zeit, so wusste Jan, die Turmwächter von Cleve zu beaufsichtigen. Mit Ihm versuchte Jan auf einer höheren, geistigen Ebene in Kontakt zu kommen und hoffte so, mit Alexanders Hilfe. in die Stadt und in das Minoritenkloster zu gelangen.

Plötzlich, wie von einer höheren Macht gesteuert, lief Jan ohne auf das weitere Geschehen um ihn herum zu achten, in Richtung Kermisdahlufer. Hier stand der Stadtturm Netelenhorst in der Stadtmauer, von hier aus wurde die Stadt gegen ungebetene Eindringlinge bewacht. Rechts von dem Turm war ein kleines Tor in der Stadtmauer, das sich nur für Jan sichtbar einen kleinen Spalt öffnete. Unbemerkt konnte Jan durch die Türe in den Klostergarten eintreten. Noch ehe er sich versah war die Türe wieder verschlossen und Junker Alexander stürmte auf Jan zu und umarmte den Freund herzlich. Alexander sah kränklich und erschöpft aus, da viele Turmwächter auch an der Seuche erkrankt waren, musste er mit nur wenigen Männern die Stadt schützen und auf den Stadttürmen rund um die Uhr Wache halten. Dennoch freuten sich die Beiden auf das Wiedersehen. Jan erklärte dem Junker seine Mission, der ihn sofort durch den großen „Monnikenbongert“ zum Kloster führte, bevor er sich wieder schnell auf seinen Wachposten auf dem Metelenhorst zurück begab. Nicht ohne vorherige Verabredung mit Jan, sich so bald wie möglich zu treffen, um von ihren Erlebnissen zu berichten.

Als Jan die Klosterpforte betrat sah er, dass das Kloster ebenfalls mit Kranken überfüllt war, die von den Mönchen gepflegt und versorgt wurden. Auch hier im Kloster machte sich ein süßlicher Verwesungsgeruch breit. Die Minoriten waren von Almosen der Bürger in Cleve abhängig, daher mussten sie akzeptieren, dass sowohl einige Klosterräume als auch ihr riesiger Klostergarten immer wieder für städtische Bedürfnisse genutzt wurden.

Mitten in dem hektischen Treiben traf Jan auf den alten Mönch Sebastian. Der alte Mönch saß zusammengekauert in einer Ecke des Chorgestühls und schien zu schlafen. Als Jan näher trat um mit ihm zu sprechen, öffnete Sebastian mühselig die dunkel umrandeten Augen und stammelte unverständliche Worte. Sein langes, schneeweißes Haar quoll unter der Kapuze der dunklen Kutte hervor, als Jan in das zerfurchte, sterbende Gesicht des Mönches sah. Jan holte eine kleine Flasche mit reinem Renneken-Quellwasser aus Nütterden unter seinem Rock hervor und träufelte dem Alten ein paar Tropfen davon auf die trockenen, rissigen Lippen. Immer wieder verlor der alte Mönch das Bewusstsein.

Sollte Jan zu spät gekommen sein? Waren die wichtigen Unterlagen zur Pestbekämpfung für immer verloren?

Immer wieder flößte Jan dem Sterbenden vorsichtig Rennekenwasser in den ausgetrockneten Mund. Und siehe da, mit seinen letzten Kräften schob Sebastian seine dünnen, grauen Hände unter Kutte hervor, in denen er eine Rolle mit alten Schriften hielt. Er übergab diese Rolle mit zitternden Händen an Jan mit den leisen Worten; „gehe hin und tue Gutes“ und fügte kaum hörbar hinzu „so wahr dir Gott helfe“, dann sackte der alte Mönch in sich zusammen und ging den Weg allen Irdischen. Jan war zuerst erschrocken über den Tod des alten Weggefährten, versteckte dann aber die wichtigen Schriftrollen in seinem Gewandt.

Schnell suchte er den Abt des Klosters auf um diesen über den Tot von Sebastian und die geheime Schrift zu unterrichten. Gleichzeitig bittet Jan den Abt, ihn bei der Durchführung zur Bekämpfung der Seuche zu helfen. Als hätte der Abt auf die Aufforderung von Jan gewartet, stellte er sofort eine Gruppe von gelehrten Mönchen und weltlichen Laien zusammen die über Stadt und Land ziehen sollen, um die Lehre der Seuchenbekämpfung, wie sie in den alten Schriftrollen beschrieben war, zu vermitteln. Endlich wurde ein Mittel für alle Menschen bekannt gemacht, wie die schreckliche Pest überwunden werden konnte. Es sollte allerdings noch Jahre dauern bis die letzten Spuren der Katastrophe aus dem Leben der Menschen verschwunden waren.

Jan hatte wieder einmal seine Mission erfüllt und kehrte zufrieden in sein Fischerhaus nach Nütterden zurück. Auch hier in Nütterden normalisierten sich die Verhältnisse Dank Jan’s unermüdlichen Einsatzes wieder.

Die Stege von Kleve

Die Stege von Kleve

Auf diesem Bild wird die Frage gestellt, warum der Wirt der Gaststätte “Zum Kurfürsten” vor einigen Jahren seine Kneipe aufgab. Nun – bei diesem miesen Niederrhein-Wetter haben sich nicht viele Gäste dahin verlaufen. Es könnte allerdings auch an der daneben befindlichen Koekkoekstege liegen, der man mystische Dinge nachsagt. Aber dazu kann man am Besten Dieter Borrmann, den Autor des Romans „Die KoekkoeksKrähe“ befragen. Man trifft ihn in seiner Facebook-Gruppe “Mysteriöses Cleverland”. 😉

Übrigens: den Roman und weitere Bücher von ihm kann man auch hier bei KLE-Blatt nachlesen.

koekkoekstege
(Foto: Dieter Borrmann)

Danz op de Schanz

Wie versprochen hier die nächste Kurzgeschichte, die uns Jan de Schwoon präsentiert. Auch für das mystische Titelbild zeichnet er verantwortlich. Viel Vergnügen beim Lesen, wie Schenkenschanz einst gerettet wurde.

danz op de schanz

Danz op de Schanz                  

– oder “Fährman hol über” –

Es ist das große Ereignis eines jeden Jahres. Im Juli findet der traditionelle Jahrmarkt auf der Insel Schenkenschanz statt. Alle gedenken den furchtbaren Kriegsereignissen der Vergangenheit und sind mit den Vorbereitungen beschäftigt ein großes Dorffest zu feiern. Die kleinen Gassen im Dorf werden geputzt und geschmückt. Jede Familie ist auf den Beinen und holt Brot, Würste, Schinken und Fässer mit Bier aus den Vorratsräumen hervor, um mit den zu  erwartenden Gästen aus den umliegenden Dörfern zu tanzen und zu feiern.

Das Leben auf der Insel Schenkenschanz war schon immer ein entbehrungsreiches Leben gewesen. Nur eine Straße führte vom Nachbarort Düffelward bis zum Rhein. Von hier aus mussten alle Güter und das Vieh mit einer Fähre auf und von der Schanz transportiert werden. Der komplette Ort an der Gabelung von Waal und dem Nederrijn, wird vom Rheinwasser umspült.

Wie schon so oft, hörte man auch in diesem Jahr vor dem Jahrmarktfest immer öfter laute Rufe „Fährmann hol über“. Ohne diese Fähre wären die Menschen auf Schenkenschanz nicht überlebensfähig. Insbesondere bei Hochwasser konnten keine anderen Schiffe an der Schanz anlegen.

Viele Menschen aus umliegenden Dörfern wollen heute zum Jahrmarkt mit der Fähre übersetzen um mit den Schänzern zu feiern. Die musizierenden Zigeuner, die mit ihren tanzenden Bären, seit eh und je auf dem Jahrmarkt auftraten, kamen von ihrem Quartier in Griethausen um zu musizieren und ihre Kurzwaren anzubieten.

Auch Jan der Fischersohn aus Nütterden mit seinen mystischen Fähigkeiten war von dem Dorf Ältesten eingeladen worden. Jedoch nicht ohne Hintergedanken. Seit einiger Zeit trieb der „Der Dämon Geryon“ wieder sein Unwesen in der Düffelt. Immer zum Jahrmarktsfest forderte er sein Opfer auf der Schanz. Der letztgeborene Knabe aus dem Ort sollte dem Dämon auf dem Blutstein vor den Kirchenstufen von St. Martin geopfert werden. Dieser Blutstein war ein alter Opferstein, der aus den Tiefen der alten, ursprünglichen Festung von Schenkenschanz reichen soll. Unter den Dorfbewohnern hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass dieser Opferstein einen alten Zugang abdeckt, der bis in die Katakomben der Hölle führt. Keiner traute sich diesen Stein zu bewegen. Im Gegenteil, immer wieder fanden sich, übers Jahr verteilt, kleine Opfergaben auf dem Stein.

Jan wurde herzlich von Bauer Föns dem Dorf Ältesten begrüßt, er lud Jan in einem Hinterzimmer des Spritzenhauses ein, um ihn von seinen Sorgen zu erzählen. Bauer Föns wusste, dass Jan der Fischersohn aus Nütterden der einzige war, der mit den Dämonen in der Düffelt fertig werden konnte. Während in den schmalen Gassen von Schenkenschanz großer, ausgelassener Trubel herrschte, kreiste der „Geryon“ schon, für die Feiernden nicht sichtbar, um den Kirchturm. Bauer Föns weihte Jan ein, dass in diesem Jahr kein Knabe geboren war. Wie würde der Dämon Geryon reagieren, wenn sie ihm kein Opfer präsentieren würden? Würde er die Bewohner der Schanz bestrafen? Was würde geschehen wenn der Blutstein vor dem Portal der Kirche leer blieb? In der Vergangenheit hatten schreckliche Hochwasser die Insel und die Region heimgesucht, wo Menschen und Vieh zu Tode kamen wenn der Dämon seinen Tribut nicht bekam. Die nahe gelegene Biesenburg, Huis Haelt und die Kirche von Brienen waren den Fluten schon zum Opfer gefallen und untergegangen. Obwohl die Menschen hier in der Düffelt alle Christen sind, war der Aberglauben tief in ihnen verwurzelt. Sie hatten ihn  nie abgelegt, darum fürchtete auch Bauer Föns wieder so eine schreckliche Katastrophe.

Jan spürte durch seine mystischen Fähigkeiten, dass der Dämon Geryon nicht weit war, als er dem Bauer aufmerksam zuhörte. Ungute Schwingungen bewegten die Lüfte über der Schanz. Stand etwa eine neue Katastrophe kurz bevor? Jan überlegte kurz, dann drängte er den Bauer Föns aus dem Spritzenhaus. „Wir dürfen keine Zeit verlieren Föns, wir müssen sofort zur Kirche. Es gibt vielleicht eine Möglichkeit das Unheil abzuwenden.“ Die Beiden bahnten sich einen Weg durch die feiernden Menschen, ohne Panik zu verbreiten. „Wir müssen sofort die Glocke von St. Martin läuten, du hast mir doch erzählt Föns, dass die Glocke aus der untergegangenen Kirche von Brienen stammt. Die Niederlage, das diese Glocke gerettet wurde, kann der Dämon nicht ertragen. Mit dem Klang dieser Glocke werden wir Geryon vertreiben.“

Dies ließ sich der Bauer nicht zweimal sagen und zog an das Glockenseil mit voller Inbrunst. Er wusste es ging um sein Leben und das der Dorfbewohner. Der Glockenklang über Schenkenschanz verursachte ein kräftiges, unheimliches Rauschen über die ganze Niederung. Mit einem großen schwefelhaltigen Feuerschweif stürzte der Dämon Geryon vom Himmel in die Tiefe neben der Kirche St. Martin. Der große, schwere Blutstein wurde von unsichtbarer Hand zur Seite geschoben und Geryon verschwand in den Tiefen der Katakomben. Mit lautem Krachen stürzte der Opferstein wieder auf den Dämoneneingang und verschoss ihn für immer.

Als Jan und Föns aus der Kirche heraus kam, war von dem ganzen Geschehen nichts mehr übrig. Nur ein leichter Schwefelgeruch war noch wahrzunehmen. Schenkenschanz war gerettet. Nie mehr musste ein Knabe geopfert werden. Der Klang der Glocke aus der untergegangenen Briener Kirche, sollte die Bewohner von nun an vor satanischen Dämonen schützen.

Jan und Bauer Föns mischten sich unter die fröhlichen Menschen, die nichts von dem dramatischen Vorgang mitbekommen hatten. Nun konnten auch sie „Danzen op de Schanz“ und feierten mit Ihnen.

Bis spät in der Nacht konnte man den Ruf hören „Fährmann hol über“.

Geheimnisvolles Materborn

Geheimnisvolles Materborn

Mit dieser Kurzgeschichte starten wir eine neue Serie von interessanten Erzählungen – teilweise sogar in Klever Platt -, die von Jan de Schwoon stammen. Viel Vergnügen mit diesen kurzweiligen Episoden aus unserer Heimat.

geheimnisvolles materborn

– Wie verschwand die hl. Hand von Anneken? –

In den Kleverlanden hatte es sich herum gesprochen, dass Jan der Fischersohn aus Nütterden seine mystischen Fähigkeiten für die Menschen in der Region einsetzte. Nachdem er die Unterwelt von Nütterden von den satanischen Dämonen befreit hatte, meldete sich auch Wolfgang L. aus Materborn bei Jan.

„Gefft et sowat ok bej ons in Materborn“ fragte Wolfgang neugierig auf Kleverländisch, „en hebben di alde Gäng van Nöttere een Verbindung norr Materborn?” fragte er gespannt bei Jan nach, „nor de Kriech hebbe se doch de „Hand van ons Anneken“ ütt de Kapäll van Materborn geklaut. Ek was in denn Titt nog enne kleine Jong, mar minen Grootvader hätt ömmer vertällt dat die Schabelönders dörr dij onderirdische Gäng van de Kapäll bess nor Nöttere afgehaue sin. Könnt gej min hälpe off et so es, dat et dor en Verbindung gefft? Alde Materbornse hebben ömmer vertällt, dat dän Duivel dor onder in de Katakomben sett.“

„Da kann ich noch gar nichts zu sagen“ antwortete Jan ihm freundlich, „gerne helfe ich dir weiter, aber ich will erst in den alten Unterlagen und Plänen nachschauen, die ich aus den Katakomben vom Hingstberg in Nütterden retten konnte. Am besten wir treffen uns am Samstagmittag bei Schneiders auf der Dorfstrasse in Materborn, dann sehen wir weiter.“

Es war etwas regnerisch, als Jan durch die bleiverglaste Türe in das Gasthaus Schneiders eintrat. Heinz-Günter, der Wirt musterte den Ankömmling skeptisch von oben bis unten, tat dann aber so, als sähe er den Gast gar nicht und zapfte weiter an einem Glas Bier hinter seiner Theke. Jan setzte sich an den großen runden Tisch direkt am Eingang. Marion die Wirtsfrau, die dabei war Gläser zu spülen, wischte sich die Hände trocken und fragte Jan dann freundlich „was darf es sein?“ Jan bestellte ein Bier und fragte nach, ob sie einen Wolfgang L. kenne. „den kenne ich gut“ antwortete die Wirtsfrau, “der sitzt gerade bei „Tante Änne“ in der Küche und spricht mit ihr über alte Geschichten aus Materborn.“ Kaum hatte sie das ausgesprochen kamen Wolfgang und Tante Änne auch schon aus der Küche und setzten sich bei Jan an den Tisch.

„Dat es jo prima Jan, dat gej ons wat öwer die alde Gäng vertelle wellt“ kam sie auf Jan zu, „van et fruchjor hebbe se ennen Maiboom hier bej ons op dän Hoff obgesett. Dorbej sin se bej et ingrawe van dän Boom ok op en gemätzelte Muur gestoote. Dän Maiboom es dorbej 3 Meter ingesackt. En de Menze hadden dadör van det Johr mar enen korte Maibom, worr se niet doronder Danze kose“, sprudelte es aus Tante Änne auf Kleverländisch hervor. „En vör de Kapäll es vor kortem ok en grot Lokk in de Stroot ingebroke. Dat hätt doch bestemmt ok met di alde Gäng te duun“ begrüßte auch Wolfgang den Besucher aus Nütterden. Nachdem alle Platz genommen hatten und Marion die Wirtsfrau für alle Getränke gebracht hatte, breitete Jan seine mitgebrachten Unterlagen aus.

„Ich habe tatsächlich einen alten Plan und Unterlagen in meinem Archiv gefunden, danach gab es eine unterirdische Verbindung von Materborn nach Nütterden“, begann Jan in die staunende Runde zu berichten. „Von der St. Anna Kapelle, zur späteren St. Anna Kirche, bis hier unter ihrem Gasthaus hindurch war eine erste Verbindung bis Burg Ranzow“ fuhr Jan fort „ Möglicherweise hat der Erbauer der Burg, Georg Friedrich Ludwig von Nassau-Siegen im 17. Jahrhundert die unterirdischen Katakomben erbaut, um auf diesem Wege zum Beten in die St. Anna Kapelle zu gelangen. Die Kapelle hatte zu diesem Zeitpunkt schon rund 200 Jahre bestanden. Später im 18. Jahrhundert als Julius Ferdinand Graf von Ranzow die Burg erwarb und ihr auch seinen Namen gab, baute dieser möglicherweise auch den geheimen Gang weiter. Im 20. Jahrhundert soll der alte Pastor Heinrichs die Gänge noch genutzt haben um von der Kirche unerkannt hier in die Gastwirtschaft zu kommen.“

„Dor heb ek ewel nex van geweete“ unterbrach die streng gläubige Tante Änne barsch die Ausführungen von Jan „onsen Heerome es ömmer dör de Voordöör gekomme, mar now“ zweifelte sie plötzlich „wie gej dat so vertällt, ek was nog en Kind, mar now kömmt et min wär inne Senn, in dän alden Krüppkelder onder de Köök was en tugemäzelte Döör. Et kann gut sin, dat et dor norr die alde Gäng ging.“

Bevor Jan die alten Pläne weiter erklären konnte, vernahmen sie aus dem kleinen Saal, der nur durch eine kleine Flügeltür von der Gastwirtschaft getrennt war, den alt bekannten Klang eines Liedes. Der Männergesangverein von Materborn hielt seine wöchentliche Gesangsprobe ab. Voll Inbrunst sangen sie das von Johann Thyssen kreierte Materborner Heimatlied;

Liegt ein Dörflein still verträumt am Waldessaum,
stiller Friede liegt hier über Feld und Raum
jeder Fremde ist von seinem Reiz gebannt.
Soll ich dir sagen wie das Dörflein wird genannt:

O, Materborn, du bist die Heimat mein
der Materborner Schweiz gehör ich ganz allein;
wo meine Wiege stand, wo ich ging ein und aus,
da ist die Heimat mein, da steht mein Vaterhaus!

Wo ich als Kind so gern gespielt, getollt, gelacht,
wo ängstlich mir die Mutter jeden Schritt bewacht,
wo ich als junger Bursch´ voll Übermut geschäumt,
wo zärtlich ich den ersten Liebestraum geträumt.

Und wenn ich einst aus diesem Leben scheiden muss,
dir stilles Heimatdörflein gilt mein letzter Gruss;
drückt mir der Tod dereinst die müden Augen zu,
find´ ich, so Gott es will, bei dir die ew´ge Ruh´!

Das Gasthaus hatte sich inzwischen gefüllt und alle Heimatverbundene Gäste sangen dieses Lied mit. Als es wieder etwas ruhiger geworden war und alle einen guten Schluck aus ihren Gläsern genommen hatten, schauten Wolfgang und Tante Änne erwartungsvoll auf Jan, bevor dieser mit seinen Erkenntnissen fortfuhr.

„Der Graf von Ranzow soll die unterirdischen Gänge als Fluchtwege, die bei eventuellen Kriegen genutzt werden konnten, gebaut haben. Der nächste Abschnitt ging zunächst bis „Haus Bresserberg“. Als der Schuhfabrikant Gustav Hoffmann das Anwesen Anfang des 20. Jahrhundert kaufte, sollen die Bauarbeiter beim Umbau auf den alten Gang gestoßen sein. Später kauften die Eheleute Schmitz das Haus und bauten es zu einem über die Grenzen von Materborn hinaus bekannten Tanzlokal um. Der so genannte niedere und höhere Klever Adel verkehrte in dem Haus. Es ging schon damals das Gerücht um, das ganz mutige Tänzer in den Katakomben von Bresserberg nicht nur getanzt hätten.“ „Bei Puppa Schmitzt war ich auch schon mal tanzen“ unterbrach ihn nun Wolfgang und verdrehte dabei vielsagend die Augen, bevor Jan fort fuhr.

„Von hier aus, so steht es in dem alten Plan, gelangt man zu einem größeren Stollen auf dem Galgenberg. Als Ende des 19. Jahrhunderts hier ein Aussichtsturm errichtet wurde, soll man hier auf ein großes Gewölbe gefunden haben, worauf der frühere Scharfrichter von Cleve vom 16. bis 18. Jahrhundert die Todesurteile vollstreckte. Über Haus Ida, dem Tiergartenwald und der Schlucht bei Donsbrüggen soll dann ein langer Gang bis zum alten Forsthaus an den Sieben Quellen gebaut worden sein. Aus meinen Unterlagen ist nicht ganz ersichtlich wer diesen Abschnitt gebaut hat“ endete Jan mit seinem Vortrag.

„Dat es jo en Deng“ staunte Tante Änne nicht schlecht „ wat gej dor alles herütt gevonde hebt“ sie schlug Jan anerkennend auf die Schulter und verschwand wieder in ihre Küche. „En wat es met die Dieve, die norr de Kriech de hl. Hand van ons Anneke gestoole hebbe? Sinn die dörr die alde Gäng geflöcht?“ fragte Wolfgang noch mal an Jan gerichtet. „Möglich ist es“ erwiderte Jan „ich kann aus den mir bekannten Unterlagen nicht erkennen ob die unterirdische Verbindung nach dem 2. Weltkrieg noch bestand oder heute noch besteht. Das müssten weitere, neuere Untersuchungen ergeben.“

„Dan segg ek o van Horte bedankt Jan, gej hebt min vööl vertällt, wat ek sönst noit erfoore hatt van min Heimat. Lott ons nog en biertje drenke, fless geeft et nog meer materbornse dij wat meer weete“. Wolfgang bestellte noch mehrere Biere bevor sich die beiden, das Materborner Lied singend, auf den Heimweg machten…

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